Holzschnitt 1510
    
Niklaus von Flüe
Bruder Klaus  
  
 
   Home  
   Inhalt  
   Quellenwerk  
   Brunnenvision  
   Meditationsbild  
Stanser Verk…
Adrian v. Bub…
  Und Dorothea ?  
   Suchen  
   Kontakt  
    
 nvf.ch
 
      
  
   Im Herzen von Europa  

Bruder Klaus

    Foto: Bruder Klaus
  
Bruder Klaus in Luzern – ©TAUAV – digitally remastered by WTH
     
Im Herzen von Europa lebte vor etwas mehr
als 500 Jahren Bruder Klaus. Sein besonderes
Charisma mit der grossen Ausstrahlungskraft
kann auch heute noch viele Menschen auf
sich aufmerksam machen und begeistern.
Wer war Bruder Klaus? Wer ist Bruder Klaus?
   

Im Blickpunkt …
  
War vielleicht Klaus von Flüe doch ein Ketzer?
  
Ist der so genannte «Pilgertraktat» (Quelle 048), wie bereits der Bruder­klausenforscher Robert Durrer († 14. Mai 1934) um 1921 ver­mu­te­te, lediglich eine literarische Fiktion (ähnlich auch Arthur Mojonnier 1942)? Und nur zwei Quellen sagen etwas aus über eine an­geblich vor­handen gewesene Radskizze: eben dieser Pilgertraktat in den zwei äl­tes­ten, gleichzeitigen Ausgaben und bloss an­deu­tend die poetisch gehaltene Bio­grafie von Heinrich Gundelfingen über den Einsiedler im Ranft (Quelle 052). 1488 sind drei verschiedene Varianten dieser Skizze vorhanden. Wel­che hätte denn Bruder Klaus besitzen können? Besass er wirk­lich eine derartige Skizze? Hier die theologisch his­torische Beweis­kette:
  
Im Gutachten zu meiner Dissertation, «Der gött­liche Spiegel» (1981), schrieb mein Dok­torvater, Josef Siegwart OP (Dominikaner, † 17. Dezember 2011), or­dent­licher Professor für Kirchengeschichte an der Universität Frei­burg Schweiz diesen Satz: «Aber ei­gent­lich in­si­nuiert der PT [Pil­ger­traktat] eine ver­altete Trinitätslehre, näm­lich das Ausgehen der drei Personen aus der un­ge­teilten Gottheit, was man seit dem Konzil von Florenz nicht mehr hätte lehren dürfen». In der Bulle «Cantate Domino» hält das Konzil in Florenz 1442 (bzw. 1441 nach floren­ti­nischer Zeit­rech­nung, Jah­res­be­ginn am 25. März) fest, dass die drei Personen nicht aus einem gemeinsamen Ur­sprung hervorgehen. Vielmehr ist in einer Hierarchie der Vater der Ursprung – er geht nicht aus Gott hervor, er ist Gott –, der Sohn geht aus dem Vater hervor und ist Ur­sprung vom Ursprung, beide Personen sind sodann nicht zwei Ursprünge sondern zusammen der Ursprung für den Heiligen Geist (Denzinger 1331). Ge­genteiliges anzunehmen oder sogar zu lehren wird ent­schie­den ver­worfen und mit dem Anathem (Kirchen­bann) belegt (Denzinger 1332). Eigentlich war das damals nicht neu, denn bereits 325 hatte das Konzil von Nicäa (Denzinger 125–126) das Credo im gleichen Sinne fest­gelegt, durch die Jahrhunderte bis heute ver­bind­lich – zu­min­dest der Vater geht nicht aus. – «Wegen dieser Einheit ist der Vater ganz im Sohn, ganz im Heiligen Geist; der Sohn ist ganz im Vater, ganz im Heiligen Geist; der Heilige Geist ist ganz im Vater, ganz im Sohn.» (Florenz, Denzinger 1331) – Es gibt sodann «nicht drei Ursprünge der Schöpfung sondern einen Ur­sprung» (daselbst). Wenn Gott in der Welt ein­greift, dann tun dies alle drei Per­sonen zu­sammen und nicht eine allein. Fazit: Die drei Personen gehen nicht von Gott aus, sie sind Gott. Gott lässt sich nicht aus­ei­nan­derdividieren. In der antiken Theo­logie der Christen wird übri­gens zwi­schen «Gott» und «Gottheit» nicht unter­schie­den, für beides steht θεός (theos = Gott, Gottheit – sowie als Adjektiv: göttlich, zu Gott gehörend, Gott eigen).
  
Beide geistlichen Berater des Einsiedlers Niklaus von Flüe, Oswald Issner (Pfarrer von Kerns) und Heimo Amgrund (Pfarrer von Kriens und später von Stans), mussten über diese Sachlage Bescheid gewusst haben. Sie hätten gewiss interveniert, wenn Bruder Klaus eine «unpassende» Lehre gedacht und geäussert hätte. Dies legt nahe, dass die entsprechenden Worte vom Ausgehen der drei gött­li­chen Personen aus der ungeteilten Gottheit nicht von Bruder Klaus stam­men sondern ihm vom Autor des Traktats in den Mund gelegt wurden (Erklärung der Figur, welche das Aus­sehen hatte wie ein Rad). Auf diesen Worten basiert aber die Radskizze. Die seit 40 Jahren oft fälschlicherweise und mit manchem Unfug ver­bun­den dem Einsiedler zugeschriebene Skizze hatte dieser über­haupt nicht sondern nur das farbige Tuch.
  
Das farbige Tuch (Meditations-, bzw. Andachtstuch) basiert aber keines­wegs auf der Idee bezüglich der Figur (Skizze), wie sie im Pilgertraktat be­schrie­ben wird. Vielmehr sind die Skizzen je ein Versuch der Abstra­hierung ausgehend vom farbigen Tuch. Zudem: wenn das Haupt im Zent­rum – im ursprünglichen Zustand; es wurde schon früh durch Übermalung stark verändert – eben nicht die Gottheit selbst dar­stellt sondern den Menschen als Spiegelbild Gottes, ist das Tuch frei von Häresie. Warum soll­te man da überhaupt et­was anderes hineininterpretieren? Heute wür­de man es als Mindmapping bezeichnen, das seine Wurzeln in der Devotio Moderna hat.
  
Gestaltung und Beschaffenheit der Skizzen erbringen eine weitere Be­weis­kette. Diejenige in Gundelfingens Biografie ist wohl die ur­sprüng­liche, sie wurde mit einem Zirkel gezeichnet. Der Mittelpunkt ist hier lediglich der Nadeleinstich, der einen Krater hinterlassen hat. Die Skizze in der Nürn­berger Ausgabe ist als Holzschnitt seitenverkehrt zur Skizze Gundel­fingens. Die Augsburger Skizze ist eine abstrakte Dar­stellung des ganzen farbigen Tuches. Der eingezeichnete Mittelpunkt ist wohl ein Miss­ver­ständnis. Waren nun beide Herausgeber des gedruckten Pilger­trak­tats, Peter Berger und Markus Ayrer, Studenten der Freien Künste bei Pro­fessor Gundelfingen an der Universität Freiburg im Breisgau? Die ers­ten Drucker hatten eine zu­mindest einfache aka­de­mische Bildung ab­sol­viert. Hatten sie eine lateinische Vorlage oder die Mitschrift einer Vor­lesung auf damals gebräuchliche deut­sche Dialekte übersetzt und ge­druckt sowie als Endredaktoren den Text leicht bear­beitet? Beide hätten dann auch mit einem Zirkel umgehen kön­nen. Das trifft alles zu. Die Holzschnitte der Skizzen waren hingegen Hand­arbeit. Beide Ausgaben entstanden fast gleichzeitig, 1488. Es gibt keinen Beweis dafür, welche der beiden älter ist. Ein Detail noch: In der Augsburger Ausgabe (um 1488) wird fest be­hauptet: «in diser gestalt als hernach volget», wäh­rend in der Nürn­ber­ger Ausgabe die Behauptung «in diser gestalt» nicht zu finden ist. Dem­entsprechend sind dann auch die je ab­ge­bildeten Skizzen recht ver­schieden. – Nimmt man alle Fragen, Widersprüche, Hin­weise und Beweise ernst, welche die vorliegende Sachlage betreffen, wäre es völlig absurd, noch länger zu behaupten, Bruder Klaus hätte eine geo­metrische Radskizze besessen.
  
Manchmal könnte man meinen, dass Leute im Umfeld von Bruder Klaus sich einen Spass daraus machen, ihm eine Häresie (Ketzerei) anzu­hängen. Nun, dann wäre er ja nicht einmal «Selig» gesprochen worden. Für einen entsprechenden Prozess wollte die zuständige Amtsstelle in Rom schriftliche Angaben, möglichst authentische Quellen. Doch da gab es bereits seinerzeit Probleme, etwa wenn Autoren von Quellentexten nicht als zuverlässig, als abweichend eingestuft waren. Es gab seinerzeit et­li­che Kreise, welche das Konzil von Florenz rundum ablehnten und es am liebsten sähen, wenn sie einen neuen Papst wählen und ein neues Konzil organisieren könnten. Zu diesen Kreisen gehörten nicht nur die Domini­kaner in Basel sondern auch einige Gelehrte, die später «Humanisten» genannt werden, darunter etwa Heinrich Gundelfingen und Heinrich Wölflin. Die Authentizität ihrer Schriften waren in Rom in Frage gestellt. Da muss man sich nicht wundern, dass die Seligsprechung des Eremiten ex­trem verschleppt wurde.
  
Dominik Planzer OP hielt 1942 in Luzern einen Vortrag «Zur Mystik des seligen Bruder Klaus» (Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 1980, 294) … Er wollte darin witzig sein und verstieg sich zur Bemerkung: Gundelfingen (Quelle 052) hätte die Skizze ja nur mit Bleistift gefertigt, ein «Berufszeichner» hätte sie dann noch vollenden sollen. Hätte er sich über die damaligen Möglichkeiten kundig gemacht, hätte er sehen müssen, dass sein Witz völlig daneben ging und es nur noch zu einem Schwach­sinn eines arroganten Ignoranten reichte. Im 15. Jahrhundert kannten einige wenige Gelehrte den Zirkel, der mit einem Vorläufer des Bleistifts (zunächst noch aus Reissblei, erst ab 1564 mit Graphit) kom­biniert werden konnte. Mit einer Gänsefeder war da kaum etwas zu ma­chen, die später berühmte Reissfeder gab es noch lange nicht und die stählerne Schreibfeder wurde erst 1748 erfunden, die Tuschestifte erst im 20. Jahrhundert. Gundelfingen hatte tatsächlich mit einer damals mög­li­chen und beschränkten Ausrüstung die Skizze des Medita­tions­tu­ches angefertigt, in das bereits gebundene Buch, weswegen er die Skizze um 90 Grad verdreht zeichnete. Die Nürnberger Ausgabe, datiert mit 1488, sollte getreu diese Urskizze abbilden und wurde entsprechend auf Holz geschnitten, seitenverkehrt. Die beiden Herausgeber des Traktätleins kann­ten das farbige Tuch von Bruder Klaus, so dass der Editor der Augs­burger Version die Skizze anders dachte. Bei Gundelfingens Skizze war im Zentrum ein Krater, entstanden durch die Zirkelnadel. Peter Berger in Augsburg meinte dann, dieser Nadeleinstich müsse nun extra noch ge­zeichnet und geschnitten werden. So entstand schliesslich ein Mythos, fernab jeg­licher Realität: Bruder Klaus hätte eine geometrische Skizze besessen. Planzer hätte es lieber gehabt, das Original von Gundelfingens Handschrift (Quelle 052 – von seinem Mitbruder, Pater Thomas Käppeli OP, 1932 in Bologna wieder entdeckt) wäre nie gefunden worden, enthält sie doch im Gegensatz zu den späteren Abschriften eben diese mit Zirkel und Bleistift gezeichnete Radskizze. Dass diese geometrische Skizze Gun­del­fingens vor den gedruckten Holzschnitten exi­stiert haben könnte, daran wollte Planzer lieber nicht denken. Denn Planzer hatte sich nun einmal be­reits emotional auf den anonymen (!) Pilgertraktat als echt und glaub­würdig eingestellt. Planzer war Historiker, doch seriös war das Vorgehen in dieser Sache ganz und gar nicht.
  
Wenn nun heutige Epigonen diesen Mythos permanent besessen, un­re­flektiert nachplappern, sollten sie sich mal vom Basler Bischof das Prinzip Wittgenstein von Klarheit und Wahrheit erklären lassen. Nein, man sollte Bruder Klaus nicht Mythen anhängen, die niemals stimmen können. Es trotzdem zu tun, wäre ein Skandal, oder falls die Leute plappern ohne zu denken, einfach nur Schwachsinn.
  
Heinrich Stirnimann OP fand das Manuskript von Planzers Vortrag und war hin und weg. Planzer galt ihm als Autorität für die Theorie, dass Bruder Klaus eine Skizze besass und das farbige Tuch erst auf Grund de­rer entstanden sein solle. Nun, Heinrich Stirnimann war kein Historiker sondern hatte einst den Lehrstuhl für Apologetik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg Schweiz erhalten. Als Verteidiger kann man ja schon mal ins Schwärmen geraten, bis hin zu hysterischen Zügen. Man bastelt sich seine Plädoyers zusammen, damit es aus eigener Sicht opportun ist, gleich ob es seriös oder manipulativ ist. Nicht so der His­to­ri­ker, er ist kein Anwalt sondern eher ein Detektiv, der ohne Vorbehalte in alle Richtungen ermittelt. – Beim Historiker kommt es nicht darauf an, was er selbst meint und selbst glaubt, entscheidend sind allein Fakten, Be­wei­se und Hinweise (Indizien). Heinrich Stirnimann hatte Kenntnis davon, dass das zentrale Rundbild mehrmals übermalt wurde und dadurch die spirituelle Bedeutung des ganzen Tuches veränderte wurde. Doch er ig­no­rier­te dies schnell wieder in seinem schwärmerischen Opportunismus und Chaos. Wie Planzer wollte Stirnimann Gundelfingens Biografie des Ere­miten am liebsten ignorieren, was aber zu entsprechenden histo­ri­schen Mängeln führte.
  
Der Professor für Fundamentaltheologie (Apologetik) kannte die Kritik sei­nes Mitbruders, des Historikers Professor Josef Siegwart OP, mündlich und schriftlich, die ihn auf den Irrtum hinwies. Doch Stirnimann ignorierte diese gedankenlos, er tendierte immer darauf, seinen Mitbruder nicht ernst zu nehmen. In seiner fahrigen Arbeit verschwand auch das wichtige Doku­ment zur Restaurierung des Meditationstuches im Jahre 1947 im Kloster Engelberg. Der Historiker, Dr. Niklaus von Flüe (1934–2013) folgte dem Irrtum zunächst auch, erkannte aber später den Fehler und korrigierte den Eintrag im Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), für dessen Redak­tion er zuletzt allein verantwortlich war. Nun ist nur noch von der «Sym­bo­lik des Betrachtungsbildes» die Rede und nicht mehr von einer geo­met­rischen Skizze. – Man kann doch nicht einfach etwas behaupten, nur weil man von der Idee derart entzückt ist, dass man wie bei einer Zwangs­neurose nicht mehr anders kann. Und auf die gleiche Art will man heute noch an die Frage herangehen: Welche Ausgabe des Pilgertraktats ist älter? Die undatierte Augsburger oder mit 1488 datierte Nürnberger? Die A. sei nachweislich älter. Nachweislich? Ja, warum denn, nur weil die Bild­chen dort schöner sind? Andere «Nachweise» gibt es nicht.
  
Aus rein historischer Sicht muss man sagen: Klaus von Flüe war kein Ketzer. Es gibt keine Beweise oder Hinweise, die dafür sprechen würden. Dass nun zum aktuellen Jubiläumsprojekt «Mehr Ranft» exakt diese Fäl­schung aus dem Pilgertraktat der Augsburger Ausgabe als Banner geführt wird, ist absolut unpassend und verantwortungslos. Denn dadurch wird Bruder Klaus in die Ecke eines Ketzers abgeschoben. Was haben sich die Verantworlichen in Sachseln bloss dabei gedacht? Aber eben, Klarheit und Wahrheit ist nicht deren Stärke. Wenn diese Leute vage Äusserungen ei­nes Gelehrten, wozu jegliche Beweise fehlen und im Gegenteil Beweise sogar dagegen sprechen, stur als Autorität nehmen, ist das schon be­denk­lich. Diese Leute sind ja sonst auch nicht gerade «päpstlicher als der Papst». Wenn obendrein noch jemand (der Urheber des Pilgertraktats) dahinter steht, der das Ganze anonym in die Welt setzt, wie glaubwürdig ist das denn?      Werner T. Huber, Dr. theol.
  
Schaltknopf: Weiter Mehr                                                                         Im Blickpunkt …

  
Samstag, 27. Mai 2017 19:22 Uhr
   
Bruder Klaus · Niklaus von Flüe · Flüeli-Ranft · Schweiz
© 1998–2017 ·
nvf.ch, brunnenvision.ch und bruderklaus.eu (vormals: bruderklaus.ch)
Designed and published by Werner T. Huber, Dr. theol.

Letzte Dateiänderung: 10.05.2017 12:01:36
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
  
    
  
  
  
  
  
  
Romanshorn, Salmsach: Wappen und Namen